Das politische Gesicht des Hungers

Mardi 21 juin 2016

Das politische Gesicht des Hungers

Preise für Böden im globalen Norden steigen - „billiges“ Land in Entwicklungsländern wird für Investoren zunehmend attraktiv!

Die Landwirtschaft produziert genug Nahrung um 12 Milliarden Menschen ernähren zu können. Trotzdem leiden mehr als 800 Millionen der aktuellen 7,5 Milliarden Weltbürger an Hunger. Paradoxerweise leben drei Viertel aller Hungernden auf dem Land als Kleinbauern, Hirten, landlose Tagelöhner und sind oft Angehörige indigener Völker oder ethnischer Minderheiten. Hunger breitet sich aus, nicht nur im globalen Süden, auch in Industrieländern leiden Millionen Menschen an Hunger und Mangelernährung.

Die Welternährungsorganisation FAO schätzt, dass ein Drittel der landwirtschaftlichen Produktion jedes Jahr „weggeworfen" wird. Im Süden erfolgt dies meist in Form von Nachernteverlusten wegen mangelnder Lagerkapazität oder fehlendem Marktzugang, im Norden durch Überschüsse des Handels und Überkonsum, „zuviel kaufen“, des Endverbrauchers. Die FAO schätzt mit 750 Milliarden Dollar diesen Verlust sechsmal so hoch, wie die gesamte Entwicklungshilfe. Der Fleischatlas 2015 schätzt, dass über 40% der jährlichen Getreideernten an Weizen, Roggen, Hafer und Mais direkt in den Trögen der Nutztiere landen, um unseren wachsenden Hunger nach Fleisch zu sättigen. Agrokraftstoffe (aus Palmöl, Soja, Raps etc.) konkurrieren weltweit auf den Anbauflächen mit Nahrungsmitteln, so werden in den USA bereits 40% der jährlichen Maisernte in Bioethanol verwandelt. Armut, Klimaveränderung, Krieg und Vertreibung, verzerrter Welthandel und Agrarhandelspolitik und die fehlenden Investitionen in eine nachhaltige Landwirtschaft verschärfen weiter das Problem.

Recht auf Land

Das Menschenrecht auf Nahrung (MaN) ist im Artikel 11 des UN-Sozialpaktes völkerrechtlich verankert. Vor der Tatsache dass jeder zweite Hungernde ein Kleinbauer ist, liegt es auf der Hand, dass die Verwirklichung des MaN eng mit dem Recht auf Land – oder zumindest dem Recht auf Zugang zu Land - verbunden ist.

Wilfried Bommert, Umweltjournalist und Agrarwissenschaftler, geht davon aus, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts „im Boden mehr Profit als auf den Goldfeldern liegt“. Stark anwachsende Bevölkerungen und der Anstieg der weltweiten Nahrungsmittelpreise 2007/2008 kurbelten weltweit die Investitionen in Land an. Da die Preise für Böden im globalen Norden rasch ansteigen, wird das „billigere“ Land in Entwicklungsländern für Investoren zunehmend attraktiv.

Großinvestoren begründen die Wichtigkeit dieser Investitionen damit, dass der Landkauf zu einer Produktionssteigerung führe und somit die Nahrungsmittelversorgung für die schnell anwachsende Weltbevölkerung sichere. So sieht die Regierung Kameruns in der Privatisierung des Palmöl-Sektors eine Möglichkeit die Nahrungsmittelproduktion zu steigern. "Afrika muss nicht länger importieren, um zu essen" sagte Präsident Paul Biya im Jahr 2011. So pflanzt die kameruanische SOCAPALM, eine Tochter der in Luxemburg ansässigen Holding SOCFIN, jetzt auf 43 700 Hektar Ölpalmen und Kautschukbäume an. 6000 Kleinbauern werfen dem in Luxemburg ansässigen Unternehmen SOCFIN Landraub vor, weil sie quasi enteignet wurden. Eine der wichtigsten Herausforderungen in der gesamten Region ist, dass viele Menschen, auch wenn sie seit Generationen auf dem Land leben und es bewirtschaften, keine Landrechtstitel besitzen.

Landwirtschaftliche Großinvestitionen sind nicht neu, aber aktuell steigt die Nachfrage nach der knappen Ressource Agrarland sehr schnell und Investoren aller fünf Kontinente sind am massiven Landkauf beteiligt. Neben europäischen und amerikanischen Investmentfonds  kommen die Ankäufer aus Indien, Südkorea, China, Saudi Arabien und der Golfregion. Laut Oxfam-Berechnungen wurde seit 2001 im globalen Süden eine Fläche, die in etwa Westeuropas entspricht, an Investoren verkauft. Produziert werden vorwiegend Nahrungsmittel und Energiepflanzen für den Export.

Existenzgrundlagen stärken

Durch Agrarinvestitionen verlieren von ihrem Land vertriebene Kleinbauern, Hirten und indigene Gemeinschaften ihre Lebensgrundlage und daher die Möglichkeit ihre Familien zu ernähren. Somit bleibt vielen nichts anderes übrig, als abzuwandern. Oft landen sie in den Slums der Großstädte und finden auch dort keine Erwerbsmöglichkeit. Diese Ausweglosigkeit treibt immer mehr Menschen dazu noch weiter zu migrieren – auch in Richtung Europa – in der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Riesige Ländereien in den Händen weniger Großkonzerne und Investoren zu konzentrieren mit der Hoffnung auf eine landwirtschaftliche Produktivitätssteigerung ist der falsche Weg. Durch den Anbau von Monokulturen und industrielle Nutzung steigen Wasserverbrauch und Bodenerosion. Dadurch geht fruchtbares Land verloren. Rund ein Drittel der weltweiten Landoberfläche sind schon Wüstengebiete. Jedes Jahr kommt durch Bodenerosion ein Gebiet der Größe Irlands hinzu.

Wissenschaftlich belegt ist, dass kleinbäuerliche Strukturen die wichtigsten Garanten einer sozial, wirtschaftlich und ökologisch nachhaltigen Lebensmittelversorgung sind. Trotzdem wird die kleinbäuerliche Landwirtschaft von politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern weiterhin vernachlässigt und Kleinbauern oft noch nicht einmal ein sicherer Zugang zu ihrem Land garantiert. Gefördert werden vorrangig Investitionen in Exportprodukte welche industrielle Rohstoffe oder Devisen liefern.

Was können wir tun?

In den Industrieländern geben Haushalte etwa 20% ihres Einkommens für Lebensmittel aus, in Luxemburg sollen es laut dem STATEC  sogar nur 11 Prozent sein. Vor sechzig Jahren gaben wir für unsere tägliche Nahrung noch über die Hälfte unseres Einkommens aus. In den sogenannten Entwicklungsländern sind es heute oft 80 bis 90% der Einkünfte. Steigende Nahrungsmittelpreise können deshalb vor allem im globalen Süden schnell katastrophale Auswirkungen haben.

Mit der Agenda 2030 haben die Vereinten Nationen, darunter auch Luxemburg, beschlossen in den nächsten 15 Jahren weltweit eine nachhaltige, also soziale, wirtschaftliche und ökologische Entwicklung in Gang zu setzen. Das ambitiöse zweite von den 17 globalen Nachhaltigkeitszielen sieht vor: „Den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern“. Um das MaN für alle zu gewährleisten, muss die Kluft zwischen Arm und Reich verringert werden und müssen ärmere Menschen in die politischen und sozialen Entscheidungsprozesse integriert werden.

Auch unsere Wirtschafts- und Handelspolitik, die Außen- und Sicherheitspolitik sowie die Agrar- und Umweltpolitik haben Einfluss auf das Leben von Menschen im globalen Süden. Deswegen muss im Interesse einer nachhaltigen Entwicklung die Kohärenz zwischen diesen einzelnen Politik-Bereichen erhöht werden. Weiterhin müssen Regierungen, im Norden und im Süden Rahmenbedingungen schaffen, die es Menschen ermöglichen, aus eigener Kraft Zugang zu ausreichender, gesunder und kulturell angepasster Nahrung zu haben.

Das Ziel, eine nachhaltige Landwirtschaft zu fördern, erfordert eine Agrarwende, hin zu einer kleinbäuerlichen, ökologisch nachhaltigen und sozial gerechten Landwirtschaft die nicht nur vor Hunger bewahrt, sondern auch mit den vorhandenen natürlichen Ressourcen verantwortungsvoll umgeht, die Artenvielfalt schützt, Arbeitsrechte garantiert und Tiere artgerecht hält.

Unser Konsumverhalten in Luxemburg hat globale Konsequenzen, die wir mildern können indem wir bewusst einkaufen, keine Lebensmittel wegschmeißen und vor allem unseren Fleischkonsum reduzieren.

Das Motto „global verstehen, lokal handeln“ sieht vor, dass an mehreren Ursachen und systemischen Hintergründen in unterschiedlichen Regionen angesetzt werden muss. Die Förderung kleinbäuerlicher Landwirtschaft und einer faireren Wirtschaftspolitik sind genauso nötig wie der Kampf gegen den Klimawandel. Ein Wandel der Ernährungsgewohnheiten sowie ein reflektierter Umgang mit Lebensmitteln ist weiterhin erforderlich: für das Menschenrecht auf Nahrung für alle.

"Plaidons Responsable" / Caritas Luxembourg

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